don't panic, it's organic!


Kunsthappen aus Venedig
8. August 2009, 17:35
Gespeichert unter: Kunsthappen | Schlagworte: , ,

Auf nach Venedig!

Mit einer aufwühlenden und enorm schweren Ladung Kunst geht es zurück an die heimische Tastatur. Soviel ist sicher: Wer unter Paarophobie leidet, sollte die halbversunkene Stadt meiden, ein einziges händchenhaltendes Schmatzlabyrinth!

Da das nun gesagt ist, zum Wesentlichen: Im Angebot natürlich die 53. Biennale mit einigen organischen Schmankerln. Die Peggy Guggenheim Sammlung sollte man sich auch nicht verkneifen und ein ganz besonderes Prachtstück wartet neuerdings auf Kunsthungrige: Konkurrent zur Biennale eröffnete Fraçois Pinault (neben dem Palazzo Grassi) eine zweite, beeindruckende Sammlung gegenwartskunstiger Prachtstücke an der Punta della Dogana, einer umgebauten Zollstation aus dem 17. Jh. Böse kritelten einige Journalisten schon an der Sammlung und ihrer Gestaltung herum, zu lesen gibt’s das bei artnet und monopol. Mag sein, dass alles sehr, sehr groß angelegt ist. Hierzu ein Vergleich: Während das Brandhorst Museum einen Mike Kelley Kandor besitzt, hat Monsieur Pinault eine eigens abgedunkelte Galerie voller Kandors. Man reicht die Milliarden.

Dennoch, gibt es Beeindruckendes von Maurizio Cattelan, Cindy Sherman und Thomas Schütte über Sigmar Polke bis hin zu Richard Prince und dem raffinierten Fucking Hell (2008) von Jake und Dinos Chapman zu sehen. Aber den Auftakt machen hier zunächst die biennalischen Köstlichkeiten. Also Mund zu Augen ganz weit auf! Um einen kleinen Gesamtüberblick zu bieten, hole ich mir hier ein wenig Hilfe

Wir starten mit einem durchweg organischen Happen namens Mutanten (2009) der lateinamerikanischen Künstlerin Raquel Paiewonsky, die im Arsenale ihre Installation für die Domenikanische Republik präsentierte.

Mutanten (2009)

Raquel Paiewonsky, Mutanten (2009)

Gruselig hängen diese puppigen Chimären von mürben Mauern herab und wirken eigenartig abnorm. Dass es sich hierbei nicht um harmlos zusammengebautes Kinderspielzeug handelt, lässt sich erahnen. Vielmehr geht es Raquel Paiewonsky um den Körper als Hort von Erfahrungen, den Umgang mit Genderklischees, Stereotypen und nicht zuletzt um die Inszenierung subtiler Gewaltakte innerhalb urbaner Gesellschaftsstrukturen. Mehr zur Künstlerin und aktuellen Ausstellungen gibt’s hier, ein Klick lohnt sich!

Ähnliche Schmuckstücke mit weniger aufgeladenem Hintergrund kann man hier bei der französischen Designerin Margaux Lange erwerben, um sich damit zu behängen.

Gesehen bei http://midgesmind.blogspot.com und erwerblich bei etsy.com.

Zurück nach Venedig: Wir spähen verstohlen und fasziniert zur schwedischen Künstlerin Nathalie Djurberg, die uns mit ihrer Installation Experimentet in einen bizarren und surrealen Garten Eden platziert.

Einen Silbernen Löwen als beste Nachwuchskünstlerin durfte sie für diese grotesken Eindrücke entgegennehmen, gut so. Sie knetet uns in folgendem Claymation-Film durch abgründige Sphären. Umringt von überdimensionalen Blumen und wandelnden Raupen will man sich wegdrehen und muss dennoch hinschauen.

Auf die Frage hin ob ihre Kunst schön sei, antwortete die Schwedin bei artnet

Ja, ich würde sagen, meine Kunst ist schön – auf eine hässliche Weise. Ich spreche hier nicht über den Inhalt, sondern ihren pittoresken Aspekt.

Von Knete zur Karussel: Verstörung auf den zweiten Blick bekommt man auch beim deutschen Beitrag von Hans-Peter Feldmann mit folgendem Schattenspiel:

Richtig, schattenhaft und rythmisch geht es weiter, wir wärmen Paul Chan nocheinmal mit seinem Sade for Sade’s Sake auf. Vorab über ihn berichtet, musste die spannende Interaktion von Figur und Abstraktion natürlich vor Ort erlebt werden. Sanfte Hintergrundmusik verstärkt die Irritation, hier ein Ausschnitt:

Weg vom Frivolen hin zum Deutschen Pavillion, in dem der Brite Liam Gillick sich an der deutschen Geschichte abgearbeitet hat. Wirkt wiedergekäut, denn Hans Haackes intensive Beschäftigung mit dem Thema vor 16 Jahren lässt den diesjährigen Beitrag noch fader wirken.

Herausgekommen bei Gillicks strebsamer Recherche ist eine funktionslose- funktionale  Küche. Um dem Ganzen einen Hauch Exzentrik zu verleihen, sitzt eine sprechende Katze obenauf, leider ziemlich langweilig und kaum subversiv:

Liam Gillick, Deutscher Pavillon Liam Gillick, Deutscher Pavillon

Mein Verdacht:

?

Wesentlich funktionaler geht es weiter, wir bleiben bei Deutschland. Tobias Rehberger hat seine Arbeit ziemlich gut gemacht, fand die Jury übrigens auch: Die Gestaltung der Cafeteria im Giardini brachte ihm einen Goldenen Löwen ein. Eckenweise wird man von Pilzgewächsen beobachtet, seht selbst:

Tobias Rehberger, CafeteriaTobias Rehberger, Cafeteria Tobias Rehberger, Cafeteria

Wir schalten zwei bis drei Gänge runter und begeben uns in den Britischen Pavillon, Zen!

Mit einer 30-minütigen Videoinstallation des genialen Regisseurs Steve McQueen (hier unten gibt’s mehr) darf man sich in genüsslicher Entschleunigung von unaufgeregten Sequenzen aus dem winterlich unbekunstelten Biennalegelände beeindrucken lassen.

Kritiker reden hier von zu viel Selbstreflexion, was allerdings in diesem Jahr auf die gesamte Biennale zutrifft. Daniel Birnbaum (* 1963, Stockholm), bisher jüngster Kurator der internationalen Kunstmesse, lässt hier mit dem Sujet Fare Mondi-Making Worlds viel Freiraum, der vielleicht nicht hinreichend genutzt wurde. Gilt natürlich nicht für alle, mehr makro gibt’s hier:

Wir tauchen in den Japanischen Pavillion ein und blicken auf die enormen Weibsbilder der Fotokünstlerin Miwa Yanagi. Windswept Women: The Old Girls Troupe fasziniert mit archaischen Frauenfiguren, deren Erscheinungsbild verzerrt, extrem gealtert und abnorm wirkt. Die Bildsprache der Künstlerin spürt dem menschlichen Lebenszyklus nach und verbindet Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft- beeindruckend:

Windswept Women: The Old Girls' Troupe, Miwa Yanagi

Windswept Women: The Old Girls' Troupe, Miwa Yanagi

Windswept Women: The Old Girls' Troupe, Miwa Yanagi

Weiter geht es mit einem bekannten Künstler, über den hier schon berichtet wurde: Bruce Nauman. Im US-Pavillon hat er sich mit Topological Gardens, einer kleinen Retrospektive seiner Werke ausgetobt und bekam ebenfalls einen Goldenen Löwen, hier ein Einblick:

Bruce Naumann, US-Pavillon Bruce Naumann, US-Pavillon

Der 1941 im Bundestaat Indiana geborene Nauman beschäftigt sich unter Verwendung verschiedenster Materialien mit zwischenmenschlicher Interaktion und physischen Grenzerfahrungen. Er gilt als Pionier der Neonskulptur und hat auf der Biennale von 1999 ebenfalls einen Goldenen Löwen für sein Lebenswerk erhalten. Hier noch was organisch Grenzwertiges:

Zum Schluss noch was Humoriges aus dem Norden. Künstler und Kunstsammler haben es nicht leicht und Geld hält einen manchmal eben doch nicht davon ab, sich den eigenen Pool zum Grab zu machen. Elmgreen & Dragset lieferten mit ihrem dekadenten Sammlerhaus samt Leiche eine gelungene Komposition im Nordischen Pavillon. Der Besucher wird zum Voyeur, wenn er schaulustig den musealen Lebensraum und das Mausoleum des an der Wasseroberfläche herumtreibenden, verrunzelten Kunstsammlers betritt:

Elmgreen & Dragset, Nordischer Pavillon

Elmgreen & Dragset, Nordischer Pavillon

Elmgreen & Dragset, Nordischer Pavillon Elmgreen & Dragset, Nordischer Pavillon

Bis zum 22. November in Venedig, hingehen und sattsehen!


Noch keine Kommentare bis jetzt
Kommentieren



Kommentieren
Zeilen- und Absatzumbrüche automatisch, E-Mail-Adresse wird nicht angezeigt, HTML-Tags zulässig: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <pre> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>